Roman von Jules Verne,
Szenische Lesung mit Stefan Dehler und Christoph Huber
zum programm
Der Mensch wird größer, die Welt kleiner – eine groteske Wechselbeziehung: In dem Maß wie die Dimension des menschlichen Selbstbildes zugenommen hat, scheint der Erdball geschrumpft. Was vor 150 Jahren noch unendliche Weite schien, grenzenlos, unerreich- und unerforschbar ist heute nur mehr „globales Dorf“. Inzwischen bringt uns ein Mausklick mit Menschen in Kalkutta, Nowgorod, Seattle oder Kampala zusammen. Weltweit operierende Tourismuskonzerne bewegen Ströme von Reisewilligen um die ganze Erde zu möglichst abgelegenen Badestränden, auf die höchsten Gipfel und bis hinunter auf den Meeresgrund. Eine morgendliche Konferenz in London und ein abendliches Arbeitsessen in Zürich mit anschließendem Heimflug ist für einen Hamburger Geschäftsmann eine alltägliche Selbstverständlichkeit.
Die radikale Weltverkleinerung hat seit ihren Anfängen zu Beginn der frühen Neuzeit mit einem gewaltigen Schub ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart kein Ende gefunden. Einer der ersten Chronisten und Visionäre dieser Entwicklung ist der französische Schriftsteller Jules Verne. Seine fiktiven Reisebeschreibungen zu Mond, in die Tiefsee, an die Grenzen der Atmosphäre und rund um die Welt sind Meisterwerke der Science-Fiction- und Abenteuerliteratur. Unzählige Bearbeitungen und Filme haben seine Szenarien und Figuren zu Mythen der Moderne damit zu populärem Allgemeingut gemacht.
Schon im Titel thematisiert der 1873 erschienene Roman „In achtzig Tagen um die Welt“ die Jules Vernes kühne Vorwegnahme heutiger Infrastruktur und Mobilität: Der exzentrische englische Lebemann Phileas Fogg wettet mit seinen ungläubigen Zeitgenossen, es heutzutage kein Problem mehr sei, den ganzen Erdball in nur achtzig Tagen zu umrunden, was er auch unter Einsatz seines Vermögens beweisen könne und wolle. Das abenteuerliche Experiment des verrückten Engländers gibt dem Autor Verne Gelegenheit exotische Schauplätze und Charaktere, aber auch die tatsächlich bestehenden Verkehrsverbindungen der damaligen Zeit als Meisterleistung menschlicher Kreativität und Weltbeherrschung vor Augen zu führen. Was in der Gegenwart als nostalgisches Unterfangen erscheint, muss dem Lesepublikum Jules Vernes als reines Phantasieprodukt vorgekommen sein. Tatsächlich aber beschreibt der Autor eine Mobilitätstechnik und Verkehrswege, die es zu seiner Zeit bereits gab und die auch von einer geschäftstüchtigen Elite intensiv genutzt wurde, um internationale ihre Geschäfte zu betreiben. Radikal modern und gegenwartstypisch ist die Einstellung des Helden Fogg. Der nämlich erkennt, dass der Globus radikal geschrumpft ist. Die Verlockungen ferner Länder und Abenteuer sind es nicht, die ihn zu seiner spektakulären Reise anregen, sondern nur der Beweis der schnellen Fortbewegung. Die Reise als persönliche Erfahrung, die Philosophie vom Weg als Ziel hat ausgedient. Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit sind die Beschleuniger der Bewegung. Und obwohl Mister Fogg gar keine geschäftlichen Interessen mit seiner Reise verbindet, entwirft er das Bild einer Welt, die vor allem durch die kapitalistischen Waren- und Menschenbewegungen ein radikal neues, vielleicht auch abstoßendes Gesicht bekommen hat.
Stefan Dehler und Christoph Huber setzen sich mit Jules Vernes Buch in der Hand auf die Spuren des berühmten Weltumrunders und suchen die Schauplätze seiner berühmten Abenteuer auf. In ihrer szenischen Lesung geraten die Wege von London nach Bombay, von Delhi nach Yokohama und von San Franzisco nach New York und Dublin zu den sprichwörtlichen „Katzensprüngen“ – und werden allen modernen Mobilitätsphilosophien zu vergnüglichen Bildungsreisen.